Zweifel.


Ich habe lange gezögert. Und vor allem gezweifelt. Denn wann ist der richtige Moment um über Zweifel zu schreiben? Sollte man gerade irgendwie zweifeln um wirklich gut über Zweifel zu schreiben? Oder eben genau nicht? Sollte man zweifelfrei sein, um einen gesunden Abstand zu Zweifel zu haben? Gibt es überhaupt den richtigen Moment? Gibt es überhaupt sowas wie «zweifelfrei»? Ich bin mir nicht sicher. Ich zweifle. Und eigentlich finde ich, das ist doch der richtige Moment um zumindest damit anzufangen, diesen Text zu schreiben.

Ich behaupte Zweifel sind ein viel zu oft verschwiegenes Thema. Ich glaube auch, dass jeder Mensch von Zweifel betroffen ist. Zweifelt. Aber irgendwie machen uns Zweifel verletzlich. Und verletzlich zu sein ist gefährlich.

Ich glaube ich zweifel zu oft.

Ich denk oft darüber nach, wie sich meine Persönlichkeit entwickelt hat. Ich war ein schüchternes Kind, das führte jedoch in der Grundschule schnell dazu, zurückgedrängt zu werden. Ich glaube heute, ich war ein einfaches Opfer für Mobbing. Eine unsichere Ausstrahlung wird sofort angegriffen. Aber das ist ein anderes Thema. Vielleicht für einen weiteren Text irgendwann. Auf jeden Fall war ich dann in der Pubertät alles andere als schüchtern. Also natürlich auch durch all die Erfahrungen mit Mobbing. Aber ich habe mir ein Schutzschild aufgebaut. Ich war der selbstsicherste und selbstverliebteste Mensch, der dir je über den Weg gelaufen ist. Wenn ich heute darüber nachdenke, tut es mir eigentlich nur weh. Denn niemals war ich je so selbstsicher, wie ich es vorgegeben habe. In meiner Phase der grössten Arroganz war ich der unsicherste Mensch überhaupt. Meine Zweifel über mich selbst, die Welt, mein Leben, einfach alles. Sie waren unermesslich gross. Das wollte ich damals aber nicht einsehen. Geschweige denn hätte ich es je zugegeben. Mit jedem Jahr, in dem ich aber älter wurde, liess ich die Zweifel mehr zu. Bis ich plötzlich so gar nicht mehr selbstverliebt war und mein Selbstvertrauen mit jedem Zweifel, den ich für mich erkannte, dahinschwand. Der für mich intressante Teil in meiner Persönlichkeit kam erst an diesem Punkt. Ich habe angefangen, jeden Zweifel auseinander zu nehmen. Bin ich wirklich zu dick. Bin ich wirklich zu klein. Bin ich wirklich zu schlecht. Bin ich wirklich zu faul. Bin ich wirklich zu wenig. Bin ich nicht genug und bla bla bla…


- Pause


Hier habe ich vor ungelogen 4 Wochen abgebrochen. Wahrscheinlich auch aus zeitlichen Gründen. Ich glaube aber auch, weil es mich trifft, so genau darüber nachzudenken. Jedem Zweifel mal direkt in die Augen zu sehen. Spannend finde ich aber, dass ich jetzt, vier Wochen später an einem komplett anderen Punkt stehe. Dazu später. Ich hol erst mal noch kurz aus.

Ich hatte während meiner Ausbildung in Hamburg kaum Zeit all diese Zweifel zuzulassen, denn wenn du gesehen werden willst, musst du selbstbewusst nach vorne treten. Du musst im Spotlight stehen und sagen, ich bin gut. Hier, seht her. Das ist auch völlig okey. Eigentlich gut so. Denn natürlich will niemand ein schüchternes Mädchen auf der Bühne sehen, das den Mund kaum aufkriegt. Wir werden ja Bühnendarsteller um zu unterhalten. Und Unterhaltung ist jetzt eher selten zurückhaltend, schüchtern oder zweifelnd.

Was es mich aber gelehrt hat, bzw. was ich entwickelt habe, ist eine gewisse Distanz zu meiner Bühnenperson. Ich, Mareen hinter der Bühne war voller Zweifel. Sobald ich aber auf der Bühne stand, war ich die Mareen, die ich mir Jahre lang antrainiert hatte. Voller Selbstbewusstsein und mit genug Vertrauen in das, was ich da tat.


Die Zeit um mich wirklich mit den Zweifel auseinander zu setzen, kam erst nach der Ausbildung. Nach dem Stress und dem Druck immer on point zu sein. Abzuliefern. Und da habe ich angefangen, mir selber mal zuzuhören. Wie rede ich mit mir? Und würde ich so je über einen anderen Menschen urteilen? Würde ich sowas je zu meinen besten Freunden sagen. HELL NO.

Ich glaube hier liegt die erste wichtige Erkenntnis. Wir sind mit uns selbst, so viel kritischer und härter, als wir es jemals mit unseren engsten Freunden sein würden. Aber warum? Warum feiern wir bei uns selbst nicht die kleinsten Erfolge genau so, wie wir es bei andern tun? Warum zweifeln wir bei uns selbst lieber erst mal alles an? Diese Frage hat mich sehr begleitet.

Ich stehe gerade mitten in einem Prozess. Ich glaube er führt, wenn alles glatt läuft, zu einer Selbstakzeptanz und Selbstliebe, wie ich sie bisher noch nicht erlebt habe. Eine halbberühmte Instagram Person hat mal gesagt; der Weg zu Selbstliebe ist wie der Sprung ins kalte Wasser. Es braucht verdammt viel Mut, aber man muss es einfach mal machen. Und ich bin gerade dabei, einfach mal zu machen. Und ich kann bisher sagen. Scheisse, das fühlt sich geil an. Einfach mal JA zu sich selber sagen. Morgens NICHT in den Spiegel zu schauen und sich fragen, ob das zu viel auf der Hüfte ist und warum ich wieder einen Pickel im Gesicht habe. Sondern einfach mal aufzustehen, in den Spiegel zu schauen, eine Runde zu tanzen und all die Dinge zu sehen, die andere Menschen vielleicht mal gelobt haben. Das klingt jetzt im ersten Moment total oberflächlich. Aber für mich war es einer der ersten Schritte. Und es geht bei den Dingen, die andere gelobt haben, nicht nur um Äusserlichkeiten. Eines Tages stehst du auf und schaust in den Spiegel und bist einfach nur stolz auf eine Eigenschaft, die jemand am Tag zuvor gelobt hat. Das allein verändert deine Energie schleichend und stetig. Ich habe angefangen zu begreifen, dass es so viel wichtiger ist, wer du in deinem Inneren bist. Ein für mich ganz grosser Schritt war den Zweifel «bin ich genug?» loszulassen. Denn JEDER und ich meine wirklich JEDER Mensch auf dieser Welt, hat seine eigene Geschichte, die ihn zu genau dem macht. GENUG. Ich denke über jeden Menschen, dass er genau so wie er ist, genug ist. Warum soll ich es bei mir nicht auch einfach mal annehmen?


DU – BIST – GENUG.

Ja, DU! Lass das mal sacken. Und liess es nochmal.

Du bist genug.


Ich habe angefangen, tief im Inneren zu begreifen, dass es völlig egal ist wie man aussieht, welchen Beruf man hat, wie viel Geld man besitzt, wie man wohnt, oder was man an materiellen Dingen um sich hat. Was zählt ist, welche Energie man in sich trägt. Und vor allem, welche Energie man ausstrahlt. Einfach mal an sich selber glauben. Einfach mal das Leben und den Tag feiern. Einfach mal JA zu sich selbst, zum Leben, zur Welt sagen.

Ich finde immer mehr zu mir selbst, denn ja, ich konzentriere mich immer mehr auf meine guten Eigenschaften. Natürlich habe ich nach wie vor auch Schlechte. Ich glaube nicht, dass man die jemals überhaupt loswerden sollte. Denn sie sind dazu da, einem immer wieder vor Augen zu halten, wo man noch was lernen kann. Und wo man noch wachsen muss. In Bezug auf Zweifel geht es aber darum, endlich mal so mit sich selber zu reden, wie man es mit seinem besten Freund tun würde. Ehrlich, aber voller Liebe. Du darfst die Zweifel wahrnehmen. Aber stell dir mal vor, deine beste Freundin, kommt mit diesem Zweifel zu dir. Was würdest du ihr sagen? Und wo liegt der Unterscheid zu dir? Was würde vielleicht sie zu dir sagen?

Spannend finde ich übrigens auch, wie es meinen Blick auf andere Menschen verändert hat. Dieser Weg zu Selbstliebe, lässt mich ganz viele Dinge plötzlich anders wahrnehmen. Kein Witz, wenn ich jetzt mit Menschen rede, glaube ich zu spühren, ob dieser Mensch in sich ruht. In seiner Mitte ist. Oder ob er sich hinter ungeklärten Zweifeln versteckt. Ich habe das Gefühl, einen neuen Blick für Werte bekommen zu haben. Denn wenn man sich mal ehrlich mit seinen Zweifeln auseinander setzt, endet schlussendlich immer alles bei Liebe. Und ob ein Mensch aus Liebe handelt, erkennst du, wenn du mit ihm sprichst. Es steht in seinen Augen und es liegt in seiner Ausstrahlung.


Um klarzustellen, ich bin heute nicht zweifelfrei. Auf keinen Fall. Ich glaube auch nicht, dass das das Ziel ist. Oder sein sollte. Den Zweifel bringen auch gute Seiten mit sich. Sie zeigen dir, ob dir etwas wirklich wichtig ist. Vor allem auch, WAS dir wirklich wichtig ist. Ich glaube, das Ziel sollte allerdings sein. Jeden Zweifel zu erkennen, und ihn objektiv zu beurteilen. Objektiv statt subjektiv.

Das ist mein Ziel.

Beispiel: Ja, meine Figur ist mir wichtig. Aber es ist subjektiv zu sagen ich bin fett. Ich fühle mich an manchen Tagen vielleicht nicht dünn. Aber objektiv gesehen, habe ich eine völlig normale Figur. Es ist also absoluter Bullshit, wenn ich daran zweifle ob ich dick bin oder nicht. Wenn ich einen strafferen Körper will, muss ich etwas dafür tun. Ich kann trotzdem in den Spiegel schauen und einfach mal dankbar sein für die Gesundheit in meinem Körper und JA zu mir selber sagen. Mich akzeptieren heisst nicht; ich mach jetzt keinen Sport mehr, weil ich mich akzeptiere wie ich bin. Nein, ich mach jetzt aber Sport, weil es mir tatsächlich Freude bereitet und weil ich weiss, dass es gesund ist und meinem Körper gut tut. Die Motivation für den Sport hat sich also lediglich verändert. Und der Zweifel «bin ich zu fett», verabschiedet sich mit jedem Tag ein kleines bisschen mehr. So ganz wohl, fühle ich mich noch nicht. Ich arbeite aber daran. Und allein das, fühlt sich gut an!

Das ist jetzt ein sehr persönliches Beispiel und gehört in die Kategorie oberflächliche Zweifel. Die aber nunmal in meinem Fall noch am lautesten schreien. (Und das ist ja hier eigentlich auch so eine Art Selbsttherapie. Diese Schreiben. Darum so ein Beispiel. Make-Up wär so die gleiche Kategorie. Könnte ich auch noch eine Story erzählen. Aber gut jetzt.) Denn die Zweifel ob ich gut genug bin und ob ich dieser Welt etwas Gutes geben kann, die sind seit einiger Zeit der Liebe in mir gewichen. Ich habe verstanden, dass ich sehr wohl gut bin. Und dieser Welt sehr viel Liebe schenke. Auf meine Art und Weise. So wie ich es am besten kann. Und das lässt mich ein kleines bisschen mehr in meiner Mitte sein. In mir ruhn. Zufrieden sein.

Wie gesagt, in bin in einem Prozess. Ich setzte mich gerade sehr aktiv mit meinen Zweifeln auseinander. Und ich bin dankbar, das erkannt zu haben. Aber es scheint gut zu laufen. Und ich bin unglaublich froh, habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt und einfach mal gesagt: JA, heute bin ich einfach mal zufrieden und glücklich mit mir selbst. JA. JA. JA.

Es gibt kein Geheimnis wie man Zweifel überwindet. Aber sie mal bewusst wahrzunehmen und sie objektiv zu hinterfragen, lässt viele Zweifel ganz schnell verfliegen.

Ich glaube immernoch, das über Zweifel zu wenig gesprochen wird. Es ist völlig egal woran du gerade zweifelst. Schäm dich nicht dafür. Lern jedoch, deine Zweifel mal zu hinterfragen. Sie zu beobachten.

Du musst nicht frei von jeglichen Zweifel sein. Du musst dir ihrer nur bewusst werden. Und sie richtig einordnen. Dann, kannst du aus jedem Zweifel etwas über dich lernen. Und das wollen wir doch alle. Etwas über uns selber lernen. Und dabei gleichzeitig sagen: JA!


So, das war jetzt. Ich habs geschafft. Eigentlich würde ich mich freuen, dass, wenn du bis hierher gekommen bist, du dir jetzt einen Zweifel aussuchst, den du in dir trägst. Und morgen, nur morgen, entscheidest du dich ihn mal fallen zu lassen. Einen Tag mit einem Zweifel weniger. Geniess es. Und Übermorgen kannst du dich dann erneut entscheiden, ob du ihn wieder aufnehmen möchtest. Oder ob es vielleicht gar nicht so schlimm war, ihn loszulassen. Wer weiss, vielleicht fühlst du dich um eine kleine Feder leichter. Und wenn nicht, dann weisst du jetzt zumindest ganz schön viel über meine Zweifel. Aber das ist oke. Denn für mich ist zum Beispiel genau dieses Aufschreiben der Worte und Zweifel eine Art, sie loszulassen. Und ich fühl mich jetzt auf jeden Fall ein ganzes Stück leichter.


Danke, dass du mir wieder den Raum gegeben hast zu schrieben.

Es ist schön, dass es dich gibt!


In Liebe

Mareen

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©2017 by Mareen Danya